Ausgangssituation und Handlungsbedarf

Obwohl die Wasserkraftnutzung zu den ältesten und umweltfreundlichsten Energiegewinnungsmethoden gehört und deshalb in der  Bevölkerung einen hohen Stellenwert genießt, wurde besonders in den letzten Jahren der ökologische Nutzen der Wasserkraft in Frage gestellt (keine Durchgängigkeit für Fische, Turbinen als Fischhäckselmaschine, etc.) und damit das Image der Wasserkraftnutzung als ökologische Energiegewinnungsmethode herabgewürdigt.

Doch besonders Kleinstwasserkraftwerke sind nicht nur ein wesentlicher Teil technischer Kultur, sie sind auch ein Symbol für die Nutzung des Wassers für menschliche Bedürfnisse. Ihre Wehre waren ein natürlicher Hochwasserschutz und trugen dazu bei, dass sich Fluss- und Bachbetten nicht zu sehr vertieften und die Uferränder dadurch austrockneten.

Im Landkreis Lindau hat es zahlreiche Kleinstwasserkraftstandorte gegeben und zahlreiche Straßennamen, wie z.B. „Mühlenweg“, erinnern uns daran. Die Kleinstwasserkraftstandorte wurden aus ökonomischen Gründen nach und nach aufgegeben, die Wehre sich selbst überlassen oder sie wurden eingerissen, wodurch die Bachläufe zwar wieder durchgängiger wurden, aber der Fischbestand, aus welchen Gründen auch immer, dennoch zurückging.

Das Klimaschutzkonzept des Landkreises Lindau weist folgendes Potential für die Wasserkraftnutzung auf:
Anzahl Wasserkraftanlagen: 13
Installierte Leistung (MW) Wasserkraft (nur EEG): 0,65 (0.8)
Stromerzeugung aus Wasserkraft [MWh] 2.957
Technisches Potenzial Wasserkraft [MWh] 3.337

Davon:
Freies Potenzial Wasserkraft durch Optimierung [MWh] 380
Zus. Erschließung ca. 20 % (20 Anlagen à 8 kW) [MWh] 591

Wasserkraft

Bestehende Wasserkraftanlagen und -standorte im Landkreis Lindau (Bay. Energieatlas)

Die Stromerzeugung aus Wasserkraft im Landkreis Lindau ließe sich durch Ausschöpfung der Potentiale mehr als verdoppeln. Die zusätzliche Erschließung von Kleinstwasserkraftanlagen könnte immerhin zu knapp 20 % (ca. 591 MWh) dazu beitragen. Das größere Potential (ca. 2366 MWh) soll ebenfalls in der Untersuchung betrachtet werden, durch den Einsatz herkömmlicher Turbinen in Form von so genannten beweglichen Kraftwerken, welche ein Höchstmaß an Fischfreundlichkeit versprechen. Das Modell des beweglichen Kraftwerks ist ebenfalls Gegenstand des fischökologischen Monitorings der TU München.

Projektziele

Das Projekt „Untersuchung zur Reaktivierung und Erweiterung der Stromerzeugung aus Wasserkraft im Landkreis Lindau“ ist ein Umsetzungsschritt aus dem Kreisklimaschutzkonzept des dort skizzierten Projektes Nr. 13 „Reaktivierung und Erweiterung der  Stromerzeugung aus Wasserkraft”. Es werden folgende Projektziele verfolgt:

1. Aufzeigen von Wasserkraftpotentialen im Bereich der Kleinstwasserkraftnutzung durch traditionelle und fischfreundliche moderne Techniken, welche geeignet sind, die alte Tradition der Energiegewinnung aus Wasserkraft, mit den Belangen des Natur- und Umweltschutzes, insbesondere der EUWasserrahmenrichtlinie, zu verbinden. Als mögliche Techniken stehen u.a. zur Verfügung:

  • Wasserräder, ober-, unter- und mittelschlächtig
  • Bewegliches Kraftwerk
  • Archimedische Schnecke- oder Schraube
  • Abwasserturbine der Fa. Blue Synergy (patentgeschützt), welche auch in normalen Fließgewässern genutzt werden kann.

2. Bei Realisierung Steigerung der touristischen Attraktivität im Landkreis Lindau bei den „Westallgäuer Wasserwegen“ durch die  Wiederinbetriebnahme alter Mühlenstandorte und Erweiterung durch Standorte mit moderner Technik im Sinne eines modernen, lebendigen Denkmals und der Pflege der technischen Kultur durch Darstellung moderner Techniken.

3. Einbeziehung der Hochwasserstauwehre in die Untersuchung für eine mögliche Wasserkraftnutzung zur Erhöhung der Akzeptanz dieser Bauwerke und als ökologischer Schutz in Trockenzeiten.

4. Untersuchung potentieller Wasserkraftstandorte, die mit herkömmlicher Turbinentechnik (z.B. Kaplanturbine) als „Bewegliches Kraftwerk“ wiederbelebt oder erschlossen werden können. Voraussetzung dabei ist ein naturverträglicher Eingriff in das Gewässer, bei einer Erhöhung der Akzeptanz der Wasserkraftnutzung im Bereich der Fischerei und des Natur- und Umweltschutzes, sowie die Einbeziehung der Stauwehre als Hochwasser- und Trockenschutz.

5. Einbeziehung neuer technischer Möglichkeiten als Fischaufstiegshilfe z.B. der Fischaufstiegsschnecke, zur Erreichung eines  wirtschaftlichen Betriebs der Wasserkraftanlage.

Die Untersuchung ist eine Arbeitsgrundlage und Vorbereitung für investive Maßnahmen der Kommunen im Landkreis Lindau und Privatleuten zur Aktivierung und Reaktivierung der Kleinstwasserkraftnutzung im Landkreis, insbesondere im Bereich alter aufgelassener Mühlen, Kleinstwasserkraftwerke, verbauter Bachläufe und Hochwasserstauwehre. Bei alten aufgelassenen Mühlen geht es für den Denkmalschutz vor allem um den aktiven Erhalt technischer Kultur, weshalb eine Wirtschaftlichkeit nicht unbedingt gegeben ist. Hierzu ist es weiter erforderlich, entsprechende Zuschussmöglichkeiten zu recherchieren.

Die Untersuchung bildet ferner die Grundlage für die Weiterführung der „Westallgäuer Wasserwege“ mit „aktiven“ Elementen und hat  außerdem das Ziel, die Akzeptanz der in den „Wasserwegen“ beschriebenen Hochwasserschutzwehre zu erhöhen. Ferner soll damit auch einer Gewässerverbesserung im Sinne EU-Wasserrahmenrichtlinie erreicht werden.

Maßnahmen

Die potentiellen Standorte sollen mit Hilfe eines Erfassungsbogens untersucht und beschrieben werden. Die Erfassungsbögen bilden den entscheidenden Bestandteil einer Gesamtuntersuchung wobei dann die potentiellen Standorte nach Gemeindegebiet der Gemeinden im Landkreis Lindau gegliedert sind. Die Untersuchung wird den Gemeinden für weitere Schritte zur Verfügung gestellt.

Zu untersuchende mögliche Wasserkraftstandorte:

  • Ehemalige Mühlen unter Denkmalschutz
    Mehr als ein Dutzend ehemalige Mühlenstandorte im Landkreis Lindau wurden durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in die Denkmalpflegeliste aufgenommen. Bei ehemaligen Mühlenstandorten gilt es zu untersuchen, ob und inwiefern eine Reaktivierung der Anlage zur Stromgewinnung mit einem vertretbaren Aufwand möglich und sinnvoll wäre, insbesondere dort, wo Ein- und Auslaufbauwerke noch gut zu erkennen sind.
  • Ehemalige aufgelassene Wasserkraftanlagen, welche sich für Kleinstwasserkraftnutzung reaktivieren lassen würden, aber nirgends katalogisiert sind.
  • Gefasste und naturnahe Fluss- und Bachläufe und Weiherabläufe für die Nutzung von unterschlächtigen Wasserrädern oder Stoßrad sowie von ober- oder mittelschlächtigen Wasserrädern oder archimedischen Schnecken.
  • Erweiterung der Funktion von Hochwasserstauwehren zur Wasserkraftnutzung und zum Schutz der Bach/Fluss-Ökologie in Trockenperioden
    Die vergangenen beiden Jahrzehnte sind in Deutschland durch Hochwasserereignisse und auch Trockenperioden geprägt. Unabhängig davon, ob diese Extremereignisse durch den vom Menschen verursachten Klimawandel verursacht werden oder nicht, muss auch in Zukunft mit einer Verstärkung dieser Extremereignisse, insbesondere von Trockenperioden gerechnet werden. Beide Ereignisse führen zu massiven Schäden in den betroffenen Bach- oder Flussbetten.

    In Hochwasserfall wird wegen der erhöhten Wassermassen und der damit einhergehenden Fließgeschwindigkeit das Bach- oder Flussbett fortgerissen, im Trockenfall stirbt alles Lebende im Bach- oder Flussbett aus. Wegen der latenten Hochwassergefahr entstehen derzeit in Bayern vielfach an relativ kleinen Bächen und Flüssen Hochwasserwehre, welche bei dauerhaften Starkregen das Regenwasser aufhalten und kontrolliert, dem maximalen Fassungsvermögen des dahinterliegenden Bach- oder Flussbettes wieder abgeben. Diese Hochwasserwehre stellen einen massiven, aber unvermeidbaren Eingriff in die Landschaft aber auch in die Wasserökologie dar, da die Durchgängigkeit der Bach und Flussläufe an dieser Stelle unterbrochen wird.

    Gleichzeitig bieten die Wehre die Chance, nicht nur in Hochwasserzeiten, sondern auch bei anhaltender Trockenheit, die nach dem Ablauf befindliche Bach- und Flussökologie intakt zu halten. Hierzu müssten die Wehre angestaut werden um bei Bedarf das aufgestaute Wasser bei Trockenheit kontrolliert wie bisher an das Bach- Flussbett abgeben zu können. Der damit verbundene Zeitgewinn wird in den meisten Fällen dazu führen, die Bach- und Flussökologie vor Austrocknung zu schützen, was ebenfalls im Sinne der EU-Wasserrahmenrichtlinie wäre. Ein weiterer Vorteil wäre, dass sich hinter dem Wehr eine Teichlandschaft mit entsprechender Ökologie entwickeln könnte.

Durchführung und Personaleinsatz

Der Landkreis Lindau als Projektträger erteilt einem externen Dienstleister den Auftrag, die Studie zu erstellen. Aufgaben des Dienstleisters sind eine Potentialerfassung als Datengrundlage für die Studie, die aktive Einbeziehung von fach- und sachkundigen Laien in das Projekt als ein wesentlicher Schritt der kompetenten Bürgerbeteiligung sowie die Erstellung eines Gesamtkonzeptes, welches in die einzelnen Gemeindebereiche des Landkreises Lindau aufgeteilt ist und welches den Gemeinden des Landkreises Lindau zur weiteren Bearbeitung vom Landkreis zur Verfügung gestellt wird. Auf Anfrage leitet die Geschäftsstelle der LAG die Studie gerne weiter.

Projekt im Überblick
ProjekttitelUntersuchung zur Reaktivierung und Erweiterung der Stromerzeugung aus Wasserkraft im Landkreis Lindau
ProjektträgerLandkreis Lindau (Bodensee)
ProjektgebietLandkreis Lindau, Oberstaufen
Beteiligte LAGRegionalentwicklung Westallgäu-Bayerischer Bodensee
Gesamtkosten
12.500 Euro (brutto)
Fördersumme6.250 Euro
Projektlaufzeit2016-2018
ProjektstatusAbgeschlossen
FörderinstrumentLEADER 2014-2020
LES-HandlungszielHZ 2: Unterstützung von Energiesparmaßnahmen und alternativen Energieprojekten